Aus "Weit weg ist so nah", ISBN 978-3-86685-588-5, Geest-Verlag

Der Tag mit dem peinlichen Vorfall war anstrengend gewesen. Am Abend wollte Gesche möglichst rasch einschlafen. Aber dazu kam es erst einmal nicht. Wie immer musste Alma ihre Erlebnisse des Tages erzählen. Gesche war das gar nicht recht. Sie kannte diese Geschichten zur Genüge. Dass der Bauer mal wieder Lüsternes und Anzügliches zu ihr gesagt und wo und wie er sie geschnappt hatte, Alma hatte scheinbar ihren Spaß dabei und erzählte es gerne.  Auch wenn sie viel redete, Gesche hatte das Gefühl, Entscheidendes behielt sie dennoch für sich. Oft erzählte die Großmagd auch noch, wie sie den neuen Knecht in Verlegenheit gebracht hatte. Dieser schmächtige Junge, vermutlich höchstens fünfzehn Jahre alt, neigte dazu, bei Aufregung zu stottern. Alma machte sich gerne den fragwürdigen Spaß, sich in seiner Nähe so ungeschickt zu verhalten, dass er zwangsläufig einen Blick auf ihre Brust werfen musste. Wenn sie ihn dann ansprach und so etwas wie „Du hast doch hoffentlich nichts gesehen“ sagte, bekam er vor Verlegenheit kaum ein Wort heraus. Gesche hatte schon mehrmals gesagt, dass ihr das nicht gefiel, aber Alma fand es lustig.  Heute sollten sich ihre Erzählungen aber ausschließlich um den Bauern drehen. „Ich zeige dir mal, was Lübbers heute gemacht hat!“ Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, fühlte Gesche Almas heiße, fleischige Hand unter ihr Nachthemd gleiten.  „Lass das!“ Gesche schob erschreckt die Hand zurück und rückte so weit es ging von ihrer Bettnachbarin ab. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Das war zu viel. Sie wollte nicht wissen, was Bauer Lübbers‘ Hand gemacht und schon gar nicht, welche Gefühle das in Alma ausgelöst hatte. Alma war kein böser Mensch, nur ein wenig unbekümmert und schwatzhaft. Als sie Gesches entsetztes Gesicht wahrnahm, stammelte sie: „Entschuldige bitte, es tut mir leid.“ Und fast flehend setzte sie hinzu: „Sei mir nicht böse, bitte!“ Ganz vorsichtig hob Alma ihre Hand und streckte ihre Finger aus. Unendlich weich, wie die Spur einer Daune, zogen sie Muster über Gesches Wange. Dieselbe Hand, die ihr eben noch aufdringlich und zu fordernd erschien, zauberte nun eine zu Herzen gehende Zärtlichkeit in ihr Gesicht. Alma zog ihre Hand zurück und beugte sich vor. Dort, wo gerade noch ihre Finger einen angenehmen Schauer verursacht hatten, hauchte sie genauso gefühlvoll einen Kuss und noch eine weitere Entschuldigung, kaum hörbar, aber ehrlich gemeint: „Bitte nicht mehr böse sein, bitte, bitte.“
Gesches Antwort war ebenfalls eine Geste, deutlicher aber als jedes Wort. Sie rückte wieder näher heran, breitete ihre Arme aus und wartete, bis sie sich mit dem heißen, verschwitzten Körper der Großmagd füllten. Dann umfasste sie hinter deren Nacken ihre eigenen Hände, so als wollten sie ein Schloss bilden, das diese Verbindung vor einer Auflösung sicherte. In dieser Umarmung gingen Gesches Gedanken zurück zu den Tagen, als ihre Brüder noch klein waren. Tastend erforschten sie die Welt und so waren es diese winzig kleinen Finger, die, das Gesicht ihrer Schwester sich einprägend, ein ähnlich schönes Gefühl hinterlassen hatten wie Almas Verzeihungsgeste vorhin. Berührungen Erwachsener lösten in ihr andere Erinnerungen aus. Sie hatten allesamt mit Schmerzen zu tun. Es waren der Schmerz einer geschwollenen Wange nach schallenden Ohrfeigen, der von Kratzspuren auf den Händen, aus denen kleine Blutperlen die weißlich abgeschabte Haut nach und nach rot färbten, oder jene Schmerzen, die eine Weidenrute verursachte, wenn sie ihren kleinen Körper mit immer mehr Striemen überzog. Alma hatte ihr heute etwas anderes gezeigt. Auch Berührungen Erwachsener konnten schöne Gefühle auslösen.  „Danke, Alma“, flüsterte sie, aber die so Angesprochene war bereits in ihren Armen eingeschlafen. Jetzt schwebten die Gedanken weiter, sie waren auf dem Weg zu *****. Wie würden seine Berührungen sein? Sollte sie das jemals erfahren?

 

 

 

Aus "Frieden, Glück, Heimat", eine Anthologie, ISBN 978-3-89841-929-1,              Schardt- Verlag

Aus meinem Beitrag "Der wahre Reichtum der Kinder"

Kurbegegnung ohne Schatten

Wir schreiben das Jahr 2009. Die Oktobersonne ließ die kleine Stadt im Saarland in einem warmen Licht erscheinen. Sie lag im Tal und mit ihren gerade einmal zwölftausend Einwohnern wirkte sie überschaubar und freundlich. Von hier oben, auf dem Wanderweg zur nahegelegenen Kurklinik, konnte man sie in ihrer ganzen Größe erkennen. Nichts Auffälliges war in ihr. Mancherorts gaben der Zustand der Bausubstanz oder der Straßen Aufschluss darüber, das dieses kleine Bundesland im Grenzgebiet zu Luxemburg und Frankreich strukturschwach ist. Mir fiel auf, dass auch in der Stadt noch die alten Strommasten auszumachen sind, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Andernorts sind längst alle Stromleitungen unterirdisch verlegt. Lediglich die mächtige Basilika im Zentrum machte da eine Ausnahme. Ein monumentales Zeichen von Macht und Reichtum der Kirche. Imposant und Respekt einflößend. Ich kannte sie sogar schon von innen. Ein Mitpatient, fachkundig weil Bayer und Katholik, hatte mir die Heiligenbilder und sonstigen Darstellungen erläutert. Ja und eventuell noch das riesige Warenhaus am gegenüberliegenden Ende der Stadt. Mit seinen mehr als dreißig Kassen auf verschiedenen Ebenen schien es ein paar Nummern zu groß geraten zu sein. Aber nur auf dem ersten Blick. Mit meiner Erfahrung aus vielen Jahren Handelstätigkeit, erkannte ich schnell, dass es, abgesehen von den überall anzutreffenden Discountern und einer Filiale einer pfälzischen Handelskette kaum Konkurrenz gab. Das Warenhaus gehörte zu einem Handelsunternehmen, das hier ansässig war. Der Einfluss der Inhaberfamilie reichte weit und so war es ein Leichtes, sich lästige Wettbewerber vom Hals zu halten.

 

Warum beschäftigte ich mich eigentlich damit? Mein Aufenthalt diente nicht einer Marktanalyse sondern meiner Rehabilitation, meiner Gesundung. Abstand sollte ich gewinnen, zur Ruhe kommen. Also ein neuer Versuch. Ich hatte mich auf eine dieser überdimensionalen Bänke gesetzt, wie man sie häufig an Stellen findet, an denen eine schöne Aussicht gegeben ist. Die geschwungene Form des Möbels sorgte für einen annehmbaren Sitzkomfort, zumindest soweit das bei einer hölzernen Sitzfläche möglich ist. Und es gelang mir tatsächlich, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Ich schaffte es, die Ruhe und den Zauber dieses späten Nachmittags zu genießen. Mein Blick erfasste das gesamte Panorama der sanft hügeligen Landschaft. Links von mir beginnend umschloss dichter Wald die darunter liegenden Felder. Meine Augen folgten diesem grünen Band, das nur auf der rechten Seite eine Unterbrechung zeigte. In dieser Ebene lagen auch die Fernverbindungen aus Straße und Schiene. Schmale Straßen und Wanderwege schlängelten sich durch die Felder um sich irgendwo am Stadtrand mit den Hauptverkehrswegen zu vereinen. Es war sehr still. Kein Wind raschelte in den Blättern, der Autolärm im Tal war weit genug weg, die wenigen Spaziergänger dessen Nahen sich durch das leichte Knirschen auf dem zum Teil kiesbedeckten Weg hinter mir ankündigte, bedeuteten keine Störung meiner Wahrnehmung. So hatte ich es auch gar nicht bemerkt, dass ein solches Knirschen direkt auf meiner Höhe verstummte. Erst als eine zierliche Person neben mir auf der Bank Platz nahm und mich mit einem freundlichen „Hallo“ grüßte, wurde ich aus meinen Gedanken, die sich ganz und gar mit dem alle Sinne betreffenden Erfassen dieses Momentes beschäftigten, gerissen, War diese Unterbrechung auch jäh, unangenehm war sie keinesfalls. Ich freute mich sogar über Anhs Gesellschaft. Anh und ich waren uns in der Klinik schon öfter begegnet. Sehr klein und sehr schlank war sie. Aus einer gewissen Entfernung erschien sie eher wie ein heranwachsendes Mädchen. Näher betrachtet, verriet ihr feines Gesicht mit den dunklen interessierten Augen, umspielt von schwarzem, dichtem Haar, die asiatische Herkunft. Ich wusste inzwischen, dass sie in Vietnam geboren wurde. Das erklärte auch, dass sie die durchschnittliche Körpergröße mitteleuropäischer Frauen um nicht wenige Zentimeter verfehlte. Sie wohnte in einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg und sprach ein nahezu perfektes Deutsch. Wäre da nicht ein wenig von dem schwäbischen Singsang gewesen, hier und da noch mit einem leichten asiatischen Zungenschlag gewürzt. Eine leise, warme Sprache die zu dieser freundlichen jungen Frau passte. Bei der Größe der Bank reichten meine Füße nicht einmal bis zum Boden, aber Anhs Füßchen baumelten nur knapp unter der Sitzfläche. Also zog sie diese an und setzte sich darauf. Heute weiß ich nicht mehr genau, mit welchem Thema unser Gespräch begann, nur dass wir schnell dazu kamen, Begebenheiten aus der Kinderzeit hervorzukramen. Mein Part dazu war schnell erledigt, so dachte ich zumindest. Aufgewachsen im Ostfriesland der fünfziger Jahre, keine gravierenden Erlebnisse, was soll man da viel erzählen?

 

Anhs Vita schien mir da die interessantere zu sein, eine Kinderzeit zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen, verlassen, ankommen, heimisch werden - da musste doch eine Menge zu berichten sein.

 

Die Monate vor der Ausreise musste sie in Ho -Chi- Minh- City verbringen, Anh muss damals so um die acht Jahre alt gewesen sein. „ Es war schrecklich!“ berichtete sie. „Ein Moloch mit Millionen von Bewohnern, schmutzig, laut und voller Kriminalität!“. Alle Türen und Fenster waren mehrfach mit Schlössern gesichert, auf die Straße ging nur, wer etwas zu erledigen hatte, und das möglichst nicht alleine. Nirgendwo war man vor marodierenden Diebesbanden sicher, die Kinder schon gar nicht. „Wir mussten immer im Haus bleiben und da hatten wir kaum Platz zum spielen!“, erinnerte sich Anh. Diese Erinnerung schien mir sehr präsent, denn ich glaubte zu spüren, dass auch jetzt noch ein Rest an Unsicherheit und Angst in ihren Augen zu erkennen war. Immerhin musste das ganze schon so fünfzehn bis zwanzig Jahre her sein. Ihr genaues Alter einzuschätzen, fiel mir schwer und gefragt habe ich nicht. Irgend eine Jahreszahl in den zwanzigern wird es aber gewesen sein. Sprachwendungen und Begriffe erinnerten mich stark an die Sprachgewohnheiten meiner Töchter, eben Jugendsprache. Zumindest hatte sie bereits eine Ausbildung gemacht und arbeitete jetzt als Arzthelferin. Dann erzählte Anh von einem Vietnam, dass so gar nicht in unser Weltbild passt. Dieses ist immer noch geprägt von schrecklichen Kriegsbildern, von einem Land, in dem seine Bewohner auf einem zerbombten und von Agent Orange vergifteteten Terrain ihrem Schicksal überlassen wurden. Aus unseren gängigen Medien ist dieses Land nahezu verschwunden.

 

Voller Begeisterung schilderte sie das, was sie als kleines Kind erlebt hatte: Die ersten Jahre verbrachte sie auf dem Land. Die Gesten und ihr freudiger Gesichtsausdruck signalisierten, dass es glückliche Jahre waren, bescheidene aber zufriedene Jahre Wann immer es möglich war, spielten sie draußen. Mit einem spitzbübischen Lächeln verriet sie: „Ich war meistens mit den Jungen zusammen, wir sind immer auf die Bäume geklettert!“. Und sonst? Spielzeug hatten sie nicht, vielleicht mal einen Ball. Aber Stöcke und Bindfäden, Steine und solche Sachen gab es immer irgendwo und mit ausreichend kindlicher Fantasie und Kreativität wurden daraus schnell Werkzeuge oder Spielgeräte. Als Spielplätze dienten Feldränder und Sandwege. Lustig und laut ging es zu.

 

Stöcke, Bindfäden, Sandwege? Anh sprach über irgend ein Dorf in Vietnam, wahrscheinlich Mitte der achtziger Jahre! Aber vor meinem geistigen Auge lief gerade ein ganz anderer Film ab. Ich sah mein ostfriesisches Heimatdorf, nur eben dreißig Jahre früher. Auch hier Bindfäden, Stöcke und spielende Kinder. Das Lieblingsspiel meines Vetters war das „Pferdespiel“. Die Enden der „Leine“ aus dem Pressgarn der Strohballen in beiden Händen haltend galoppierte einer von uns Jungen als Pferd vorneweg, ein anderer führte die Leine. War „Feldarbeit“ angesagt, hatte das „Pferd“ zusätzlich zu dem Bindfaden noch einen langen Stock in der rechten Hand und ließ diesen hinter sich herschleifen. Unsere Vorstellungskraft reichte aus, darin einen Pflug zu erkennen. Der “Acker“ den wir zu bestellen hatten, war der mittlere Streifen des Weges neben dem Haus unserer Großeltern. Dieser Teil war sandig, weil Pferdehufe und Wagenräder, sowie die Reifen der wenigen Autos, die es in der Gegend schon gab, keinen Bewuchs zuließen. Rechts und links daneben war, zumindest im Sommer, alles grün bewachsen. Auch die „Fundsache“ hatte mit einem langen Bindfaden zu tun. An diesen wurde ein ausgedientes Portmonee gebunden. Anschließend wurde der Faden, der hinter einer Böschung endete, sauber mit Sand bedeckt. Wir Kinder versteckten uns hinter der Böschung. Kam nun ein Spaziergänger und bückte sich nach dem Fundstück, wurde dieses schnell weggezogen. Soweit der Plan. In der Realität kam entweder so lange kein Fußgänger, bis wir die Lust verloren oder es kam einer vorbei und achtete nicht darauf. Kein Wunder, das Spiel wurde nicht unser Favorit. Ich hatte also doch ein wenig mehr zu erzählen, als ich ursprünglich gedacht hatte. Anh schaute erst etwas ungläubig bei meinen Schilderungen. War das möglich? Unsere Kindheit hatte eine Generation und einen halben Globus weit weg voneinander entfernt stattgefunden. Und doch, wäre sie zu meiner, oder ich zu ihrer Zeit in das jeweils andere Land gekommen, das gemeinsame Spiel hätten wir sofort begriffen! Bis auf eins - das auf die Bäume klettern hätte ich ihr überlassen, schon als Kind war ich nicht schwindelfrei.

 

Aus "Mein Herz am Meer", eine Anthologie, ISBN 978-3-941127-37-1, Elbverlag, Magdeburg

 

Weites Meer – tiefe Gedanken

Es ist erstaunlich, dass ich diesen Platz erst heute entdeckt habe. Schon fünf Tage halte ich mich in der Stadt auf und war schon oft hier am Hafen. Gerade eben bin ich aber zum erstem Mal den ganzen Weg an der Hafenmauer entlang gegangen, bis dahin, wo sie sich mit dem felsigen Ufer verbindet. Hier ist der Blick frei in Richtung offenes Meer. Massive grün lackierte Bänke laden zum Verweilen ein. Nur einen Steinwurf entfernt vom Stadtkern, der jetzt am frühen Vormittag schon wieder von Touristen aus allen Erdteilen geflutet wird, bin ich hier nur von wenigen Menschen umgeben. Ich nehme die unausgesprochene Einladung an und setzte mich hin. Ein ruhiger Ort um zu lesen. Schon nach wenigen Seiten schlage ich das Buch wieder zu. Sein Inhalt erreicht mich nicht. Etwas anders beschäftigt meine Sinne. Das Wasser fesselt meinen Blick und nimmt ihn mit. Zuerst auf den Meeresgrund vor mir. Massive Felsen und kleine Kieselsteine sind im klaren Wasser gut zu erkennen. Die Mineralien lassen das Wasser türkisfarben erscheinen. Langsam bewegen sich meine Augen in Richtung Horizont. Das helle, klare Wasser erscheint in der Ferne dunkler, es wird zu einem intensiven Blau. Schon so oft habe ich von der blauen Adria gelesen – ja, es stimmt wirklich – sie ist blau, durch und durch blau. Und ruhig ist sie, zumindest heute. Die Wellen schlagen mit einem leisen Klatschen an die Hafenmauer. Sie lassen die kleinen Boote nur leicht dümpeln. Die beiden Kreuzfahrtschiffe und der Traditionssegler, die in der Bucht vor Anker liegen, bewegen sich gar nicht.

 

Will mir dieser Ort, will das Meer mir eine Geschichte erzählen? Ich lausche eine Weile, aber nichts dergleichen passiert. Immer noch bin ich dabei, alle Einzelheiten mit meinen Blicken zu scannen um sie in meinem Gedächtnis als vollständiges Bild wieder zusammenzufügen. Strand, Meer, die massive, grau-weiße Stadtmauer, die grüne Insel Lokrum direkt vor mir. Das Meer schweigt weiter, gibt nichts preis, aber es macht etwas anderes mit mir. Während es meine Augen gefangen nimmt, wird der Kopf dahinter frei. Frei für Fragen und Erkenntnisse.

 

Freude und Dankbarkeit erfüllen mich. Ich darf hier sein, ein wunderschönes, freies Dubrovnik hat seine Tore weit für mich geöffnet. Seine trutzige Stadtmauer schützt mich genau so selbstverständlich wie seine eigenen Einwohner. Auch sie sind wieder frei. Sie haben die Welt bei sich zu Gast und sie können die Welt bereisen. Immer wieder musste sich die Republik Ragusa ihren Angreifern erwehren, oft wurde sie von fremden Völkern beherrscht. Venizianer, Türken, Franzosen und Österreicher, sie alle hinterließen Spuren in der Stadt, die schon früh das Wort „Libertas“ für sich entdeckt hatte. Und als sie, die heutigen Kroaten vor einem Vierteljahrhundert diese Freiheit einforderten, regnete es Bomben auf ihr geliebtes Dubrovnik.

 

Ich frage mich, was ist das für ein Gefühl, wenn in der Stradun, der Hauptstraße nur ein Schwarm Tauben, jedoch kein einziger Mensch zu sehen ist, weil sich alle in den Häusern verschanzen? Wie übersteht man Tag und Nacht, wenn das eigene Haus ausgebrannt ist, wenn es kaum etwas zu essen gibt?

 

Heute muss man schon ganz genau hinsehen, um noch Spuren dieses Krieges zu entdecken. Gut so! Es ist überstanden und eine neue Generation, weltoffen, gebildet und wissbegierig steht bereit, das Geschick dieser Stadt in die Hand zu nehmen. Sie, aber vor allem die Älteren wissen nur zu gut, was es heißt, wenn Machtgier, religiöse oder ethnische Engstirnigkeit „Libertas“ keine Chance lassen ...