Aus "Weit weg ist so nah", ISBN 978-3-86685-588-5, Geest-Verlag

Elisabeth – eine Begegnung, ein Schicksal
Als junges Mädchen, nicht viel älter als Gesche heute, war sie vor einem Vierteljahrhundert als Magd auf den Hof gekommen. Damals führten noch die alten Lübbers ein gestrenges Regiment. Sich ihrer gesellschaftlichen Stellung bewusst, kommandierten sie das ‚Volk‘, wie man mit abwertendem Sammelbegriff alle am Hof arbeitenden Menschen in Bauernkreisen nannte, herum. Elisabeth mühte sich zwar, aber unter der Fuchtel der Bäuerin war es schwer, ihr irgendetwas recht zu machen.  Nur der einzige Sohn auf dem Hof, wenige Jahre älter als sie, war freundlicher zu ihr. Ab und zu packte er mit an, wenn ihr die Arbeit nicht so schnell von der Hand ging oder einfach zu schwer war, oder er lächelte ihr im Vorbeigehen zu. Sogar ein paar Komplimente hatte er für die junge Magd. Er genoss es scheinbar, wenn sie verlegen errötete, und ging dann fröhlich pfeifend seiner Wege.  Nun konnte man Enno Lübbers nicht unterstellen, dass sein freundliches Verhalten reine Berechnung war, aber es kam ihm durchaus gelegen, dass sich die Dinge in eine Richtung entwickelten, die er sich gewünscht hatte. Sein Jagdinstinkt war geweckt. Unmerklich zog er immer engere Kreise um seine Beute. Erst waren es Worte, dann zufällig anmutende Berührungen und letztlich Umarmungen. Das unbedarfte, schüchterne Mädchen hatte dieser List nichts entgegenzusetzen. Der Jungbauer hatte leichtes Spiel. Elisabeth lag bald in seinen Armen. Und sie fühlte Glück dabei. Der triste Alltag, die Zurechtweisungen der Bäuerin, ihr Heimweh – all das war in diesen Momenten weit weg. Enno Lübbers hatte wohl alles richtig gemacht. Er hatte das Mädchen nicht gedrängt, sich von seiner charmanten Seite gezeigt und abgewartet, bis er sie, einer reifen Frucht gleich, nur noch pflücken musste.  Es war zwar kaum zu glauben, aber seine Eltern bekamen von alledem nichts mit. Bis zu dem Tag, als Enno etwas zu berichten hatte. Verlegen, die Mütze in den Händen zusammengedrückt wie ein Knecht, der zugeben musste, dass ihm eine Fuhre Heu umgekippt war, kam er nach und nach mit der Wahrheit heraus. Die neue Magd war schwanger, und zwar von ihm. Nach langen Minuten, in denen das Entsetzen in den Gesichtern seiner Eltern sichtbar wurde, folgten kopfschüttelnd die Fragen nach dem Warum. Keine Gardinenpredigt, wie er erwartet hatte, sondern Fassungslosigkeit prägte die Situation.  „Dass diese Kleine nichts taugt, habe ich mir schon immer gedacht!“ Für die Bäuerin stand sofort fest, dass Elisabeth sich an ihren Sohn herangemacht hatte. Den umgekehrten Fall wollte sie sich offensichtlich nicht vorstellen.  Es wurde wenig gesprochen, alle drei saßen geduckt, so als würden bleierne Lasten auf ihren Schultern ruhen, in der Wohnstube. Dann war es an Bauer Lübbers, ein Machtwort zu sprechen. „Morgen werden  wir entscheiden, was zu tun ist!“ Sein Tonfall war unmissverständlich, für heute war alles gesagt. Was sich Elisabeth am nächsten Morgen anhören musste, als sie zu dem Bauernpaar in die ‚Gute Stube‘ zitiert wurde, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. Für die Lübbers war es ausgemacht, sie war nur auf den Hof gekommen, um den reichen Sohn des Hauses zu verführen. Schneidend und drohend richtete sich die Stimme der Bäuerin gegen das Häufchen Elend, das mit gesenktem Kopf schluchzend vor ihr stand.  „Was wolltest du wirklich?“, keifte sie. „Unser Geld oder wolltest du unseren Sohn nur bloßstellen?“ Das Mädchen bemühte sich um Fassung. Eine Antwort – eine Mischung aus einem verzweifelten Schrei und mühsam unterdrücktem Weinen – presste sich durch ihre bebenden Lippen: „Ich liebe Enno!“  Das war zu viel für das stolze Bauernpaar. Zuerst nannte dieses Flittchen ihren Sohn beim Vornamen und dann nahm sie auch noch das Wort ‚Liebe‘ in den Mund.  „Wer weiß denn überhaupt, ob das Kind von ihm ist?“, schnaufte jetzt der Hofherr, und seine Angetraute ergänzte: „Der ist alles zuzutrauen.“ Derart gedemütigt und beleidigt wurde die Magd der Stube verwiesen. Sie solle sich erst wieder sehen lassen, wenn man sie rufe, ließ man sie wissen. Elisabeth fühlte sich in eine nicht enden wollende Schlucht gestürzt, nirgendwo war auch nur der kleinste Halt. Bald würde Enno kommen und sie in den Arm nehmen, sprach sie sich selbst Mut zu. Aber nichts dergleichen geschah. Einen ganzen Tag ließ man sie in ihrer kleinen Kammer allein. Hilflos und gekränkt weinte sie so lange in ihr Kissen, bis dieses völlig durchnässt war. Am nächsten Tag gab die Bauernfamilie ihre Entscheidung bekannt. Elisabeth hatte das nur zur Kenntnis zu nehmen. Kurz und knapp, da sie schon das Kind vom Jungbauern in sich trug, sollte sie diesen auch heiraten.  Elisabeth war wie vom Schlag getroffen. Sie war sich sicher gewesen, dass man sie vom Hof jagen wollte. Und in der Tat, die alten Lübbers hatten daran zuerst gedacht, schließlich sollte ihr Sohn irgendwo einheiraten, damit Geld zu Geld käme. So handelte man in ihren Kreisen üblicherweise. Auch wenn das wichtig für sie war, am Ende kam man zu der Erkenntnis, dass der gute Ruf doch mehr wert sei als Geld. Auch wenn die Magd das Haus verlassen würde, Ennos Fehltritt würde nicht verborgen bleiben. Dazu kam der Einwand des Sohnes, der bei der Besprechung kaum etwas sagte, außer, dass er sein Kind nicht im Stich lassen würde. Egal, wo es letztlich aufwachsen würde, er würde für das Kind sorgen und es auch sehen wollen.

Aus "Moorgezeiten"  - eine Anthologie - ISBN 978 3 86685 560 1/ Geest- Verlag

Auszug aus meinem Beitrag "Der weite Himmel über dem Moor"

Geh aus mein Herz und suche Freud ... Jedes Jahr, spätestens dann, wenn im Frühjahr die Bahnen der Sonne am Himmel merklich höher steigen, wird es wieder in den Gottesdiensten gesungen – dieses eigentlich schon uralte, aber immer aktuelle Lied von Paul Gerhard. Offensichtlich hat dieser Mann, von dem wir heute wissen, dass sein Leben durch unendliche Tiefen führte, mit Freude und immerhin über fünfzehn Strophen von „Deines Gottes Gaben“ geradezu schwärmerisch erzählt. Kein Wunder, dass schon allein deshalb so viele Menschen dieses Lied lieben und immer wieder aus voller Kehle singen. In mir erzeugt aber gerade der Anfang der dritten Strophe ein Bild, ganz präzise, mit klaren Konturen, ein Bild, das Ruhe und Harmonie ausstrahlt. Ich liege rücklings auf dem weichen Boden vom ‚Settfeld‘, dem bereits abgetorften Moorgrundstück meiner Eltern, und schaue in den Himmel, während sich ‚Die Lerche in die Luft‘ schwingt. Der kleine Vogel ist so hoch aufgestiegen, dass man ihn beim besten Willen dort oben nicht mehr erkennen kann. Sein Gesang und das Zirpen der Grillen sind das Einzige, das diese Stille zu durchdringen vermag. Selbst der Wind ist so lau und kraftlos, dass er das hohe Bentgras am Wegrand nur leicht wiegt, ohne dass das leiseste Rauschen zu hören ist. Da ich auf dem Rücken liege, also alles verkehrt herum sehe, wirkt der Himmel auf mich wie ein nicht enden wollender Ozean. Winzigen Schaumkronen von Wellen gleich sind Wolken, hauchdünn und wie mit einer spitzen Feder gezeichnet, über den Himmel verteilt. Alles andere an ihm erscheint im makellosen Blau. Ohne es in Gedanken zu fassen, spüre ich, wie wohltuend es ist, alleine mit der Natur, besser, ein Teil von ihr zu sein. Wenn ich mich jetzt wieder aufrichte, erfasst mich trotz meiner Jugend ein leichter Schwindel, das Bild in meinem Kopf muss erst wieder zurechtgerückt werden. Ich schaue auf die Büsche vor mir, die, obwohl nicht sehr weit entfernt, vom Flimmern der heißen Luft nur verzerrt zu erkennen sind. Irgendwann setze ich mich wieder auf mein Fahrrad und fahre nach Hause. Noch weiß ich nicht, dass dieses Bild mich begleiten wird, nicht nur an diesem heißen Sommertag, nein, ein ganzes Leben hindurch. Es sollte ein Anker werden, etwas, das mich festhält, wenn es zu stürmisch wird, wenn ich es nötig habe, daran erinnert zu werden, wo meine Wurzeln sind.

 

 

Aus "Frieden, Glück, Heimat", eine Anthologie, ISBN 978-3-89841-929-1,              Schardt- Verlag

 

Aus meinem Beitrag "Der wahre Reichtum der Kinder"

Kurbegegnung ohne Schatten

Wir schreiben das Jahr 2009. Die Oktobersonne ließ die kleine Stadt im Saarland in einem warmen Licht erscheinen. Sie lag im Tal und mit ihren gerade einmal zwölftausend Einwohnern wirkte sie überschaubar und freundlich. Von hier oben, auf dem Wanderweg zur nahegelegenen Kurklinik, konnte man sie in ihrer ganzen Größe erkennen. Nichts Auffälliges war in ihr. Mancherorts gaben der Zustand der Bausubstanz oder der Straßen Aufschluss darüber, das dieses kleine Bundesland im Grenzgebiet zu Luxemburg und Frankreich strukturschwach ist. Mir fiel auf, dass auch in der Stadt noch die alten Strommasten auszumachen sind, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Andernorts sind längst alle Stromleitungen unterirdisch verlegt. Lediglich die mächtige Basilika im Zentrum machte da eine Ausnahme. Ein monumentales Zeichen von Macht und Reichtum der Kirche. Imposant und Respekt einflößend. Ich kannte sie sogar schon von innen. Ein Mitpatient, fachkundig weil Bayer und Katholik, hatte mir die Heiligenbilder und sonstigen Darstellungen erläutert. Ja und eventuell noch das riesige Warenhaus am gegenüberliegenden Ende der Stadt. Mit seinen mehr als dreißig Kassen auf verschiedenen Ebenen schien es ein paar Nummern zu groß geraten zu sein. Aber nur auf dem ersten Blick. Mit meiner Erfahrung aus vielen Jahren Handelstätigkeit, erkannte ich schnell, dass es, abgesehen von den überall anzutreffenden Discountern und einer Filiale einer pfälzischen Handelskette kaum Konkurrenz gab. Das Warenhaus gehörte zu einem Handelsunternehmen, das hier ansässig war. Der Einfluss der Inhaberfamilie reichte weit und so war es ein Leichtes, sich lästige Wettbewerber vom Hals zu halten.

 

Warum beschäftigte ich mich eigentlich damit? Mein Aufenthalt diente nicht einer Marktanalyse sondern meiner Rehabilitation, meiner Gesundung. Abstand sollte ich gewinnen, zur Ruhe kommen. Also ein neuer Versuch. Ich hatte mich auf eine dieser überdimensionalen Bänke gesetzt, wie man sie häufig an Stellen findet, an denen eine schöne Aussicht gegeben ist. Die geschwungene Form des Möbels sorgte für einen annehmbaren Sitzkomfort, zumindest soweit das bei einer hölzernen Sitzfläche möglich ist. Und es gelang mir tatsächlich, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Ich schaffte es, die Ruhe und den Zauber dieses späten Nachmittags zu genießen. Mein Blick erfasste das gesamte Panorama der sanft hügeligen Landschaft. Links von mir beginnend umschloss dichter Wald die darunter liegenden Felder. Meine Augen folgten diesem grünen Band, das nur auf der rechten Seite eine Unterbrechung zeigte. In dieser Ebene lagen auch die Fernverbindungen aus Straße und Schiene. Schmale Straßen und Wanderwege schlängelten sich durch die Felder um sich irgendwo am Stadtrand mit den Hauptverkehrswegen zu vereinen. Es war sehr still. Kein Wind raschelte in den Blättern, der Autolärm im Tal war weit genug weg, die wenigen Spaziergänger dessen Nahen sich durch das leichte Knirschen auf dem zum Teil kiesbedeckten Weg hinter mir ankündigte, bedeuteten keine Störung meiner Wahrnehmung. So hatte ich es auch gar nicht bemerkt, dass ein solches Knirschen direkt auf meiner Höhe verstummte. Erst als eine zierliche Person neben mir auf der Bank Platz nahm und mich mit einem freundlichen „Hallo“ grüßte, wurde ich aus meinen Gedanken, die sich ganz und gar mit dem alle Sinne betreffenden Erfassen dieses Momentes beschäftigten, gerissen, War diese Unterbrechung auch jäh, unangenehm war sie keinesfalls. Ich freute mich sogar über Anhs Gesellschaft. Anh und ich waren uns in der Klinik schon öfter begegnet. Sehr klein und sehr schlank war sie. Aus einer gewissen Entfernung erschien sie eher wie ein heranwachsendes Mädchen. Näher betrachtet, verriet ihr feines Gesicht mit den dunklen interessierten Augen, umspielt von schwarzem, dichtem Haar, die asiatische Herkunft. Ich wusste inzwischen, dass sie in Vietnam geboren wurde. Das erklärte auch, dass sie die durchschnittliche Körpergröße mitteleuropäischer Frauen um nicht wenige Zentimeter verfehlte. Sie wohnte in einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg und sprach ein nahezu perfektes Deutsch. Wäre da nicht ein wenig von dem schwäbischen Singsang gewesen, hier und da noch mit einem leichten asiatischen Zungenschlag gewürzt. Eine leise, warme Sprache die zu dieser freundlichen jungen Frau passte. Bei der Größe der Bank reichten meine Füße nicht einmal bis zum Boden, aber Anhs Füßchen baumelten nur knapp unter der Sitzfläche. Also zog sie diese an und setzte sich darauf. Heute weiß ich nicht mehr genau, mit welchem Thema unser Gespräch begann, nur dass wir schnell dazu kamen, Begebenheiten aus der Kinderzeit hervorzukramen. Mein Part dazu war schnell erledigt, so dachte ich zumindest. Aufgewachsen im Ostfriesland der fünfziger Jahre, keine gravierenden Erlebnisse, was soll man da viel erzählen?

 

Anhs Vita schien mir da die interessantere zu sein, eine Kinderzeit zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen, verlassen, ankommen, heimisch werden - da musste doch eine Menge zu berichten sein.

 

Die Monate vor der Ausreise musste sie in Ho -Chi- Minh- City verbringen, Anh muss damals so um die acht Jahre alt gewesen sein. „ Es war schrecklich!“ berichtete sie. „Ein Moloch mit Millionen von Bewohnern, schmutzig, laut und voller Kriminalität!“. Alle Türen und Fenster waren mehrfach mit Schlössern gesichert, auf die Straße ging nur, wer etwas zu erledigen hatte, und das möglichst nicht alleine. Nirgendwo war man vor marodierenden Diebesbanden sicher, die Kinder schon gar nicht. „Wir mussten immer im Haus bleiben und da hatten wir kaum Platz zum spielen!“, erinnerte sich Anh. Diese Erinnerung schien mir sehr präsent, denn ich glaubte zu spüren, dass auch jetzt noch ein Rest an Unsicherheit und Angst in ihren Augen zu erkennen war. Immerhin musste das ganze schon so fünfzehn bis zwanzig Jahre her sein. Ihr genaues Alter einzuschätzen, fiel mir schwer und gefragt habe ich nicht. Irgend eine Jahreszahl in den zwanzigern wird es aber gewesen sein. Sprachwendungen und Begriffe erinnerten mich stark an die Sprachgewohnheiten meiner Töchter, eben Jugendsprache. Zumindest hatte sie bereits eine Ausbildung gemacht und arbeitete jetzt als Arzthelferin. Dann erzählte Anh von einem Vietnam, dass so gar nicht in unser Weltbild passt. Dieses ist immer noch geprägt von schrecklichen Kriegsbildern, von einem Land, in dem seine Bewohner auf einem zerbombten und von Agent Orange vergifteteten Terrain ihrem Schicksal überlassen wurden. Aus unseren gängigen Medien ist dieses Land nahezu verschwunden.

 

Voller Begeisterung schilderte sie das, was sie als kleines Kind erlebt hatte: Die ersten Jahre verbrachte sie auf dem Land. Die Gesten und ihr freudiger Gesichtsausdruck signalisierten, dass es glückliche Jahre waren, bescheidene aber zufriedene Jahre Wann immer es möglich war, spielten sie draußen. Mit einem spitzbübischen Lächeln verriet sie: „Ich war meistens mit den Jungen zusammen, wir sind immer auf die Bäume geklettert!“. Und sonst? Spielzeug hatten sie nicht, vielleicht mal einen Ball. Aber Stöcke und Bindfäden, Steine und solche Sachen gab es immer irgendwo und mit ausreichend kindlicher Fantasie und Kreativität wurden daraus schnell Werkzeuge oder Spielgeräte. Als Spielplätze dienten Feldränder und Sandwege. Lustig und laut ging es zu.

 

Stöcke, Bindfäden, Sandwege? Anh sprach über irgend ein Dorf in Vietnam, wahrscheinlich Mitte der achtziger Jahre! Aber vor meinem geistigen Auge lief gerade ein ganz anderer Film ab. Ich sah mein ostfriesisches Heimatdorf, nur eben dreißig Jahre früher. Auch hier Bindfäden, Stöcke und spielende Kinder. Das Lieblingsspiel meines Vetters war das „Pferdespiel“. Die Enden der „Leine“ aus dem Pressgarn der Strohballen in beiden Händen haltend galoppierte einer von uns Jungen als Pferd vorneweg, ein anderer führte die Leine. War „Feldarbeit“ angesagt, hatte das „Pferd“ zusätzlich zu dem Bindfaden noch einen langen Stock in der rechten Hand und ließ diesen hinter sich herschleifen. Unsere Vorstellungskraft reichte aus, darin einen Pflug zu erkennen. Der “Acker“ den wir zu bestellen hatten, war der mittlere Streifen des Weges neben dem Haus unserer Großeltern. Dieser Teil war sandig, weil Pferdehufe und Wagenräder, sowie die Reifen der wenigen Autos, die es in der Gegend schon gab, keinen Bewuchs zuließen. Rechts und links daneben war, zumindest im Sommer, alles grün bewachsen. Auch die „Fundsache“ hatte mit einem langen Bindfaden zu tun. An diesen wurde ein ausgedientes Portmonee gebunden. Anschließend wurde der Faden, der hinter einer Böschung endete, sauber mit Sand bedeckt. Wir Kinder versteckten uns hinter der Böschung. Kam nun ein Spaziergänger und bückte sich nach dem Fundstück, wurde dieses schnell weggezogen. Soweit der Plan. In der Realität kam entweder so lange kein Fußgänger, bis wir die Lust verloren oder es kam einer vorbei und achtete nicht darauf. Kein Wunder, das Spiel wurde nicht unser Favorit. Ich hatte also doch ein wenig mehr zu erzählen, als ich ursprünglich gedacht hatte. Anh schaute erst etwas ungläubig bei meinen Schilderungen. War das möglich? Unsere Kindheit hatte eine Generation und einen halben Globus weit weg voneinander entfernt stattgefunden. Und doch, wäre sie zu meiner, oder ich zu ihrer Zeit in das jeweils andere Land gekommen, das gemeinsame Spiel hätten wir sofort begriffen! Bis auf eins - das auf die Bäume klettern hätte ich ihr überlassen, schon als Kind war ich nicht schwindelfrei.

 

Aus "Mein Herz am Meer", eine Anthologie, ISBN 978-3-941127-37-1, Elbverlag, Magdeburg

 

Weites Meer – tiefe Gedanken

Es ist erstaunlich, dass ich diesen Platz erst heute entdeckt habe. Schon fünf Tage halte ich mich in der Stadt auf und war schon oft hier am Hafen. Gerade eben bin ich aber zum erstem Mal den ganzen Weg an der Hafenmauer entlang gegangen, bis dahin, wo sie sich mit dem felsigen Ufer verbindet. Hier ist der Blick frei in Richtung offenes Meer. Massive grün lackierte Bänke laden zum Verweilen ein. Nur einen Steinwurf entfernt vom Stadtkern, der jetzt am frühen Vormittag schon wieder von Touristen aus allen Erdteilen geflutet wird, bin ich hier nur von wenigen Menschen umgeben. Ich nehme die unausgesprochene Einladung an und setzte mich hin. Ein ruhiger Ort um zu lesen. Schon nach wenigen Seiten schlage ich das Buch wieder zu. Sein Inhalt erreicht mich nicht. Etwas anders beschäftigt meine Sinne. Das Wasser fesselt meinen Blick und nimmt ihn mit. Zuerst auf den Meeresgrund vor mir. Massive Felsen und kleine Kieselsteine sind im klaren Wasser gut zu erkennen. Die Mineralien lassen das Wasser türkisfarben erscheinen. Langsam bewegen sich meine Augen in Richtung Horizont. Das helle, klare Wasser erscheint in der Ferne dunkler, es wird zu einem intensiven Blau. Schon so oft habe ich von der blauen Adria gelesen – ja, es stimmt wirklich – sie ist blau, durch und durch blau. Und ruhig ist sie, zumindest heute. Die Wellen schlagen mit einem leisen Klatschen an die Hafenmauer. Sie lassen die kleinen Boote nur leicht dümpeln. Die beiden Kreuzfahrtschiffe und der Traditionssegler, die in der Bucht vor Anker liegen, bewegen sich gar nicht.

 

Will mir dieser Ort, will das Meer mir eine Geschichte erzählen? Ich lausche eine Weile, aber nichts dergleichen passiert. Immer noch bin ich dabei, alle Einzelheiten mit meinen Blicken zu scannen um sie in meinem Gedächtnis als vollständiges Bild wieder zusammenzufügen. Strand, Meer, die massive, grau-weiße Stadtmauer, die grüne Insel Lokrum direkt vor mir. Das Meer schweigt weiter, gibt nichts preis, aber es macht etwas anderes mit mir. Während es meine Augen gefangen nimmt, wird der Kopf dahinter frei. Frei für Fragen und Erkenntnisse.

 

Freude und Dankbarkeit erfüllen mich. Ich darf hier sein, ein wunderschönes, freies Dubrovnik hat seine Tore weit für mich geöffnet. Seine trutzige Stadtmauer schützt mich genau so selbstverständlich wie seine eigenen Einwohner. Auch sie sind wieder frei. Sie haben die Welt bei sich zu Gast und sie können die Welt bereisen. Immer wieder musste sich die Republik Ragusa ihren Angreifern erwehren, oft wurde sie von fremden Völkern beherrscht. Venizianer, Türken, Franzosen und Österreicher, sie alle hinterließen Spuren in der Stadt, die schon früh das Wort „Libertas“ für sich entdeckt hatte. Und als sie, die heutigen Kroaten vor einem Vierteljahrhundert diese Freiheit einforderten, regnete es Bomben auf ihr geliebtes Dubrovnik.

 

Ich frage mich, was ist das für ein Gefühl, wenn in der Stradun, der Hauptstraße nur ein Schwarm Tauben, jedoch kein einziger Mensch zu sehen ist, weil sich alle in den Häusern verschanzen? Wie übersteht man Tag und Nacht, wenn das eigene Haus ausgebrannt ist, wenn es kaum etwas zu essen gibt?

 

Heute muss man schon ganz genau hinsehen, um noch Spuren dieses Krieges zu entdecken. Gut so! Es ist überstanden und eine neue Generation, weltoffen, gebildet und wissbegierig steht bereit, das Geschick dieser Stadt in die Hand zu nehmen. Sie, aber vor allem die Älteren wissen nur zu gut, was es heißt, wenn Machtgier, religiöse oder ethnische Engstirnigkeit „Libertas“ keine Chance lassen ...